Always right!
In meiner Arbeit als strategische Kommunikationsberaterin, Lektorin und Autorin betreue ich immer wieder Menschen auf dem Weg zu ihren Publikationen.
Man kommt sich dabei sehr nah – wesentlich nah – und stellt fest: Die meisten Menschen haben so etwas wie ein „Lebensthema“ – oder „Lebensthemen“, die sie immer wieder beschäftigen.
Sie lassen sich in ihren Einstellungen, Grundhaltungen und Werten, in ihren Glaubenssätzen, in den Bildern, die sie von sich selbst oder anderen haben, in inneren Monologen und Gesprächen mit anderen ebenso finden wie in ungeliebten, aber immer wiederkehrenden Verhaltensweisen.
Die Erkenntnis, dass das Schreiben eine klärende, vielleicht sogar therapeutische Wirkung hat, ist so alt wie die Philosophie selbst. Man tritt da in unzählige allerklügste Fußstapfen. Und doch bleibt das Erlebnis der Erkenntnis beim Schreiben auf der persönlichen Ebene einzigartig. Die Wirkung, der FLOW eines gänzlich freien, unreglementierten Zu-Papier-bringens wird als etwas ganz Privates, Persönliches erlebt. Auf einmal erkennt man Muster im gedanklichen Dickicht und fühlt etwas, von dem man dachte, dass man es längst vergessen hätte. Es ist aber noch da.
Autobiografisches Schreiben ist zunächst vor allem Selbstzweck. Ziel ist nicht die Veröffentlichung, das Erreichen eines Gegenübers, die Produktion eines eigenen Selbst vor anderen, sondern eher das Erstellen einer ganz eigenen Art von „Chronik“, das Erfassen fließender Gedankenströme, eines "Stream of Consciousness".
Der Schreibfluss bringt Klärung, so oder so - übrigens sogar das quälende anfängliche Nicht-wissen-wie-beginnen, der horror vacui gehört dazu. Mental sitze ich wie früher vor dem brandneuen Heft, schlage die erste Seite auf - und sofort kriecht mir die Angst in den Nacken und mir wird ganz schlecht. Versau es jetzt bloß nicht! Die erste Seite prägt – ja, aber was eigentlich?
Wir alle haben Geschichten zu erzählen, Erinnerungen an Menschen, Wegbegleiter, Haustiere, Landschaften. Urlaube, einschneidende oder beflügelnde Ereignisse, schwere oder auch kleine, leichte Momente, die uns bewegt haben - Schwärmereien, nicht erwiderte – oder erwiderte – Freundschaft und Liebe, Konzertbesuche, Illusionen und Wünsche, Wachträume, der Duft frisch gebackener Brötchen aus der Bäckerei nebenan, Sommerregen auf heißem Asphalt, die Müdigkeit nach einem Tag am Strand, intensive Glücksmomente beim Streicheln eines Hundes, das Gefühl, von anderen „gesehen“ und erfasst zu werden und, und, und…
Erinnerungen lassen sich gerne bergen, die einen schneller, die anderen langsamer – aber eins haben sie alle gemeinsam: Sie sind ein Teil von uns, ob glücklich oder schmerzlich, und verraten uns, wer wir sind. Kommt man ihnen auf die Spur, erschließen sie Haltungen, Motivationen und Entscheidungswelten – oft mit großartigen Aha-Erlebnissen, in denen sich in der Tiefe Kreise zu schließen scheinen und wir uns aus einem „Zwischenbewusstsein“, einem „Unwillentlichen“ in einen Zustand intensiver Klarheit begeben. „Jetzt verstehe ich ... !“
Was dabei entstehen kann, sind atemberaubende Schreibprozesse und Texte, die in ihrer Individualität immer biografisch bleiben – aber über das Erzählen weit über uns als Einzelne (und Vereinzelte) hinaus Bedeutung haben, denn sie stehen zugleich auch für die Tiefe und Vielfalt des menschlichen Lebens und seine vielen Phasen und Entwicklungen. So bringt uns das Schreiben der Antwort auf die Frage, wer wir eigentlich sind, tatsächlich von ganz allein mit jeder neuen Seite wieder ein bisschen näher.